Zum Hauptgang ein Familiendrama

ITZEHOE Verstört, angewidert und dennoch vertraut – so verlassen fast 100 Schülerinnen und Schüler der Kaiser-Karl-Schule in Itzehoe „Das Fest“ zu dem die Familie Klingenfeldt-Hansen sie anlässlich Vater Helges 60. Geburtstags einlud. Doch mit diesen Gefühlen betraten die meisten KKSler das Itzehoer Theater nicht. „Das Fest“ lässt eher einen feuchtfröhlichen Abend in der Familie des dänischen Patriarchen vermuten. Jedoch kommt alles anders. Die Familie reist an, während die weiteren Gäste, die Zuschauer, schon anwesend sind. Thomas Vinterbergs Werk führt an eine vertraute, aber auf dem Erdball verstreute, Familie heran, die auf den ersten Blick kein Problem zu haben scheint. Auf den ersten Blick.

Der älteste Sohn Christian holt bei der Rede auf seinen Vater zum Rundumschlag aus: Helge habe ihn und seine verstorbene Zwillingsschwester in ihrer Kindheit regelmäßig sexuell missbraucht. Stets bevor er baden ging, nahm er die beiden Kinder mit in sein Büro. Schon diese Vorstellung stellt den Gästen die Nackenhaare auf. Es gibt unzählige Mitwisser am eigenen Esstisch und trotzdem wird der Schein einer heilen Familie gewahrt.

Die straffe und fordernde Inszenierung Martin Pfaffs bietet durchaus Pausen zum Verarbeiten. Diese sind für die Familie und auch ihre Gäste bitter nötig. Zur Halbzeit des Stücks schwirren den Zuschauern verschiedenste Gedanken durch den Kopf. Nur einer nicht: der Blick auf eine intakte Familie. Das minimalistische Bühnenbild (Petra Mollérus), welches das Haus der Klingenfeldt-Hansens wunderbar aufs Wesentliche hinunter bricht, fängt ausreißende Gedanken ein. Meter hohe, freistehende Säulen bilden sowohl Foyer als auch Speisesaal des dänischen Guts. Eine lange, zum Publikum hin offene Tafel wird zum physischen Rahmen der Handlung.

Die zwölf Schauspieler des Landestheater Detmold überzeugen als Familie und Angestellte auf ganzer Linie. Markus Hottgenroth brilliert als Christian. Er gewährt trotz seiner erwachsenen Kälte einen tiefen Blick auf ein traumatisiertes Kind, was mit brennender Willenskraft ins Elternhaus zurückkehrt, um seine von Albträumen des Vaters in den Selbstmord getriebene Schwester zu rächen. So lässt er sich auch von einem nassen Anzug, den er seinem Vater und einem Glas Portwein zu verdanken hat, nicht abhalten. Doch auch Gustav Peter Wöhler in der Rolle des Helge lässt tief blicken. Zunächst beeindrucken ihn die Entwicklungen seiner Geburtstagsfeier nicht wirklich. Eher steigt er zu seiner Frau (Kerstin Klinder) ins Boot. Als Mitwissende versucht sie ihren eigenen Sohn Christian als Geisteskranken zu diskreditieren, der sich von einem eingebildeten, inexistenten Jugendfreund beeinflussen lasse. Als jedoch endgültig klar ist, von welch einem Monstrum und tief zerrissenen Familie die Gäste sich umsorgen lassen, fallen auch bei Helge alle Hüllen.

Jede Familie hat ihre dunklen Geheimnisse. Und jeder einzelne seine Fehler. Doch „Das Fest“ zeugt von einem überdurchschnittlich tiefen Abgrund. Das ist es, was dieses Stück zum Teil so eindrucksvoll macht.

Damals wie heute

Doch auch das Thema macht dieses Stück so unangenehmem und doch so prägnant. Sexueller Missbrauch von Kindern findet in der Gesellschaft einen Konsens der Widerwärtigkeit. Niemand gäbe öffentlich eine solche Tat zu. Genau dies passiert nun auf jener Familienfeier. Fast unbedacht antwortet Vater Helge auf die Frage nach dem Warum, dass seine Kinder eben nicht mehr wert gewesen seien. Ein Schauer läuft den Gästen über den Rücken. Es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl der Zuschauer, das sie nicht nur zu Gästen macht, sondern auch ein Hassgefühl gegen Helge in ihnen hervorruft.

Auch der Versuch des Toastmasters die Stimmung mit gut gemeinten doch der Zeit entsprechenden rassistischen Witzen und Liedern zu retten, gelingt nicht wirklich.

Gerade in den jungen Schülerinnen und Schüler unter den Zuschauern und gleichzeitig unter den Gästen wirft das Thema viel auf. Mit so fröhlichen Gedanken, wie sie den Festsaal betreten haben, verlassen sie diesen nicht. Das Stück ekelt den gesunden Menschenverstand in einer so eindrucksvoll-beklemmenden Art und Weise an, dass man zunächst geschockt und verstört auf dem eigenen Platz sitzen bleibt.

Die Zuschauer sahen ein grandios gespieltes Stück eines vertrauten und energiegeladenen Ensembles, das mit voller Inbrunst eine weitere Auflage Thomas Vinterbergs „Das Fest“ auf die Theaterbühne brachte.

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